Das Cabinet des Dr. Caligari (Deutschland, 1920) Regie: Robert Wiene

Caligari
Vorher:
Ein junger Mann torkelt durch aufgemalte Bäume, alles ist schräg, zackig und unheimlich. Ich habe nur sehr vage Erinnerungen an „Das Cabinet des Dr. Caligari“, den bekanntesten aller Stummfilme, den ich mir als 17 jährige anschaute.
Er hat mich beeindruckt und verstört, da bin ich mir sicher. Aber dennoch musste ich erst 36 werden, um mich für Stummfilme zu begeistern und mehr Filme aus dieser Zeit zu sehen. Umso gespannter bin ich jetzt wie er auf mich wirkt, nachdem ich im letzten Jahr ca. 20 Stummfilme gesehen habe. Wird er für mich schon „Mainstream“ sein? Bestimmt nicht. Zumal ARTE ihn mir heute in einem neuen, restaurierten Mäntelchen vor die Füße bettet.

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Mittendrin:
(nach 43 Minuten)
Das Bild ist der Wahnsinn. Als wäre ich eine Dame, die 1920 im Kino sitzt. Ich bin eingesogen und aufgespießt von dieser klaustrophobischen Schere, die dieser Film ist. Eine Kleinstadt schlafwandelt und erlebt den Tod. Ich will weiterträumen und dennoch überleben. Das bekomme ich hin.

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Hinterher:
Wow! Wow! Wow!
1. Wow für die trickreiche Story, die einige Überraschungen parat hatte und an die ich mich glücklicherweise kaum erinnern konnte.
2. Wow für die restaurierten Bilder. Kein Knisterer, kein Bruch und kein Fehler hat die Zeitreise gestört. Das Bild war so deutlich und klar, dass mir ganz warm ums Herz wurde. Ich finde das ist so ein Geschenk, einen Film so frisch zu sehen. Grandios!
Das warme Herz brauchte ich auch für das dritte Wow, die kompromisslose Umsetzung des Films als expressionistisches Kunstwerk. Alles ist schräg, spitz, eng und künstlich. Der ganze Film spielt sich in Kulissen ab, die phantasievoll und verspielt, aber auch sehr beängstigend und beklemmend sind.
Ich finde den Vergleich mit der Schere sehr passend. Ich fühle mich beim Wandeln durch Wienes Welt, wie von einer riesigen Schere in Schach gehalten. Ich habe kaum gewagt zu Atmen, aus Angst mich an diesem scharfkantigen Film zu schneiden, obwohl ich ja wußte: alles ist Pappe oder Sperrholz, Traum und Fiktion.

Dieser Traum entführte mich in die Erzählung eines junges Mannes, der in einem Park einem älteren Mann von den seltsamen Ereignissen in seinem Heimatstädtchen erzählt, das nicht nur von dem exzentrische Schausteller Dr. Caligari heimgesucht wird, sondern auch vom Tod.
Caligari ist im Besitz eines geheimnisvollen Schlafwandlers namens Cesare und es häufen sich die seltsamen, grausamen und unfassbaren Ereignisse. Nächtliche Entführungen, Verfolgungsjagden, tödliche Prophezeihungen, doppelte Identitäten und, ach ja, einige Morde. Und am Ende schneidet die Schere wieder in eine ganz andere Richtung.

Schere, Stein, Papier. Kunst, Horror, Psychotrip. „Das Cabinet des Cr. Caligari“ gewinnt bei mir jede Partie. Ich kann euch nur raten, euch auf das Verwirrspiel Kunst einzulassen. Ich hatte großartige 75 Minuten in denen Körper, Geist und Sinne aufs Wunderbaste durch die Kulissen gejagt wurden. Expressionismus rockt!
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2 Kommentare zu „Das Cabinet des Dr. Caligari (Deutschland, 1920) Regie: Robert Wiene

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