The Last Temptation of Christ (USA, 1988) Regie: Martin Scorsese

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Vorher:
Scorsese verfilmt die Bibel! Au Weia. Aber ich habe Lust drauf. Seitdem ich mit 17 Peter Gabriel Fan war und alles von ihm gehört habe, hat mich sein Soundtrack zu „The Last Temptation of Christ“ fasziniert.
Warum ich den Film dazu bisher nicht gesehen, bleibt mal wieder ein Rätsel. Aber rätselhaft- so stelle ich mir auch den Film vor. Willem Dafoe als sehr menschlicher und fehlbarer Jesus, dessen Leben in den Händen von Martin Scorsese so gar nicht nach Vorschrift der Evangelien verläuft. Auf geht’s! Ich gebe mich mit Gabriels berauschenden Klängen im Ohr der Versuchung hin.
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Mittendrin:
Jesus hat gerade einen Blinden sehend gemacht und ich muss kurz durchschnaufen. Der Film entführt mich nicht nur in den Orient, die bliblische Geschichte und Jesus Leben, das mir nur noch teilweise vertraut ist, sondern vor allem in die Seele eines ganz normalen Menschen, der von Zweifeln, Fragen und Ängsten geplagt ist.
Eine betörende Sinnsuche mit einem tollen Willem Dafoe- ich bin durchaus angetan. Ob ich eine Jüngerin des “Normalojesus“ werde, wird sich in knapp 1 ½ Stunden herausgestellt haben.

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Hinterher:
„It’s accomplished!“ Puh, der Schluss des Films hat mich dann nochmal richtig emotional gepackt. Ich war mit dem mitreißenden Peter Gabriel Song den Tränen nah. Und Jesus am Kreuz? Ihr kennt die Geschichte ja.

„The Last Temptation of Christ“ war so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte.
Ein intensiver Blick in die Seele Christi und eine Reise in die Zeit seines Wirkens, die sehr authentisch rüberkam. Ich WAR eine von Jesus Anhängern und fragte mich die ganze Zeit: „Möchte ich das überhaupt? Was will er mir sagen? Ich bin doch gar nicht religiös.“
Da kam es mir gerade recht, dass Scorsese eigentlich die Geschichte eines ganz normalen, fehlerhaften Mannes erzählt, der nicht aufhört zu fragen, zu zweifeln und die gesamte Gefühlspalette erlebt.
Wenn ich mich an Jesusgeschichten erinnere, die ich im Religionsunterricht oder sonstwo gehört habe, war Christus immer der wissende Ruhepohl. Der Mann, der alles geklärt hat und irgendwie immer ein bisschen langweilig war, weil er IMMER das Richtige und Gute getan hat.

Ich fand es sehr aufregend, dass Scorsese dieses Christusbild ordentlich aufmischt. Willem Dafoe spielt die ambivalente Variante des Messias wunderbar. Bei der Erweckung des Lazarus ist er erstaunt wie ein kleiner Junge, was er da gerade getan hat. Beim Verwandeln von Wasser in Wein, hat er den Schalk im Nacken. Bei der Suche nach dem Dialog mit Gott spürt man mit ihm die Last, die dieser ganze „Du bist der Messias“ Crap mit sich bringt und man erstarrt beim Anblick von Löwen, Schlangen und anderen Erscheinungen des Teufels. Ich wollte ihm öfter zurufen: „Mist, warum ausgerechnet Du? Schmeiß doch einfach hin.“

ACHTUNG SPOILER

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Tja, und das tut er dann auch. Als Jesus im Sterbedelirium am Kreuz hängt, fantasiert er sich einen alternativen Lebensweg herbei, auf dem er endlich mit Maria Magdalena schlafen darf und eine Familie gründet. Alles ganz normal, würden die Jünger nicht an seinem Sterbebett erscheinen und ihn zur Rechenschaft ziehen, dass er sich seiner Bestimmung entzogen hat. Ich fand diesen Abstecher in eine alternative Zukunft Christi faszinierend.
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Besonders schön fand ich auch die Darstellung der Freundschaft zu Judas (sehr toll verkörpert von Harvey Keitel mit roten Locken). Zwischen den Beiden geht es rau, ehrlich und dennoch liebevoll zu. Es wird viel diskutiert und spekuliert und beide begegnen sich dabei auf Augenhöhe.
In diesen Szenen war ich immer etwas beruhigt, weil ich wusste: Wenigstens einer steht Jesus zur Seite. Dass Gott am Ende auch diese Freundschaft dem vorbestimmten Leidensweg opfert- eigentlich ganz schön gemein.

Bevor ich hier total ausschweifend ins Schwärmen gerate und meine Filmbesprechung länger wird als das Neue Testament, beende ich mit meinem Auftrag an euch: „Angucken. Fasziniert sein. Zweifeln. Wundern. Staunen. Wütend sein. Heiß sein. Kalt sein. Tot sein und sich doch lebendig fühlen.“ Und als Bonbon gibt es David Bowie als Pontius Pilatus.
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Ein Kommentar zu „The Last Temptation of Christ (USA, 1988) Regie: Martin Scorsese

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