Eraserhead (USA, 1977) Regie: David Lynch

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Vorher:
Ich komme zu einem Highlight meiner Filmreise, das ausgerechnet auch noch in mein Geburtsjahr fällt. David Lynchs erster Spielfilm und sein Übertritt von der Kunst zum Spielfilm. Wobei das ja bei Lynch so eine Sache ist. Er ist ja immer Kunst. Ich bin Fan von seinen Filmen und vor allem von „Twin Peaks“. Muss ich ja nicht viel zu sagen. Beste Serie aller Zeiten.
Jetzt erwarte ich ein schwarz weißes, wummerndes Etwas von einem Film, das einen verstört, berührt und fragend hinterlässt. Ich bin mir nicht mal sicher, ob es eine Handlung gibt. Irgendwie geht es doch um eine Familie, oder? Und um einen Fötus. 1977 war ich auch noch ein Fötus…äh, huch….das ist jetzt schräg. Also die passende Stimmung für „Eraserhead“. Film ab!

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Mittendrin:
Pfffft. Zisch. Grummel. Pfeiff. Quwääääääääää.
Ich bin in einem düsteren Apltraum aus Geräuschen, Tristesse und Einsamkeit. Wie erhofft bin ich fasziniert und stell mir während des Guckens nicht zu viele Fragen. Ich genieße einfach nur. Das für diesen Film zu sagen, ist natürlich äußerst schräg, aber Lynch macht es mir möglich. Und ich liebe Jack Nance und sogar den gruselig- niedlichen Fötus habe ich schon ins Herz geschlossen.

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Hinterher:
„In heaven everything is fine.“ singt eine Frau auf einer Bühne und ich fühle mich wie im Himmel. Obwohl ich augenscheinlich irgendwie in einer Industriehölle bin. Ich texte im Kopf die Lyrics um: „With David everthing is fine….“. Bäääm. Brumm. Zisch. Klopf. Wummer. Mein Herz macht auf einmal auch so komische Geräusche. Was macht dieser Film bloß mit mir?

Ihr merkt es schon, ich habe den höchsten Schwärmmodus erreicht. „Eraserhead“ schiebt sich in meinem Lieblingsfilmolymp ganz weit nach oben. Warum eigentlich? Ich versuche es irgendwie zu erklären.
Meine Fangeschichte mit David Lynch reicht bis zu meinem 17- jährigen Ich zurück, das Twin Peaks das erste Mal sah und sich in Lynchs Universum verliebte. Seine düsteren, stilvollen und bedeutungsschwangeren Welten, die voller Liebe und Angst sind, haben mich seitdem nicht mehr losgelassen. „Eraserhead“ hatte ich aus Respekt immer vor mir hergeschoben und befürchtet, dass ich denken würde: „Also ne, die Kunstscheiße geht mir nun doch zu weit.“ Hurra, es kam anders.

Der Film hat mich mit wummerndem und zischendem Sound eingesogen in das triste und verstörende Leben von Henry Spencer. Der linkische und etwas mufflige Mann (wunderbar und mir aufs beste bekannt als Pete Martell in Twin Peaks: Jack Nance) findet sich recht plötzlich in einer skurrilen Lebenssituation wieder, als ihm bei einem äußerst krampfigen Essen mit seiner Freundin Mary und ihren Eltern eröffnet wird: Wir haben ein Baby, aber es sieht doch sehr anders aus als andere Babys.
Und schwupps sind die beiden in Henrys Einzimmerwohnung mit einem Bündel auf dem Tisch, das ein Nachkömmling ETs sein könnte und gleichzeitig furchterregend und herzerwärmend ist. Doch damit geht der (Alp)Traum erst richtig los…

Die absurden Szenerien, mit denen der Film den Zuschauer nun konfrontiert, spare ich mir aufzuzählen. Es war alles sinnlos und fühlte sich doch richtig an.
Ich war einfach von Beginn an begeistert und gebannt von diesem Film. Ich habe es geschafft, mich total auf Lynchs Industriewelt einzulassen und habe alles geschehen lassen. Keine Fragen, keine Irritationen, kein (negativer) Ekel, sondern einfach pure Lebensfreude und Spaß mit Kunst.
„Eraserhead“ wartet mit einer der tristesten Filmkulissen auf, die ich je sah. Klaustrophobische Industriewege, schäbige Wohnungen, in denen überall Erdhaufen, Moos und Dreck herumliegen (in Henrys Wohnung bildet das Bild eines Atomspilzes die einzige Deko) und kein Hauch von Sonne. Die Personen im Film sind allesamt verklemmt, mysteriös, krank oder unsympathisch.
Was für eine Kunsthölle- ich fand sie toll.

„Eraserhead“ ist nicht einzuordnen. Horror, Surrealismus, Science- Fiction, Gesellschaftskritik, Kunst, Geräuschinstallation, Märchen, Dreckhaufen, Dystopie, Utopie, Lynch, Lynch, Lynch, 50er Jahre Stimmung, Meisterwerk!
Sucht euch einen guten Zeitpunkt aus, an dem ihr euch auf den Film einlasst. Meiner Meinung nach sollte es jeder versuchen und die Kunst wummernd, jammernd und quäckend in sein Herz lassen. Wenn es nicht klappt, hat immerhin noch eine Blondine für euch „In heaven everything is fine“ gesungen und dabei kleine Föten zertreten. Das sollte es doch wert sein, oder?

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3 Kommentare zu „Eraserhead (USA, 1977) Regie: David Lynch

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