Barry Lyndon (England, 1975) Regie: Stanley Kubrick

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Vorher:
Ich behaupte seit Jahren, dass „Barry Lyndon“ ein Lieblingsfilm von mir ist und mir fällt jetzt auf: Ich glaube, ich habe ihn noch nie komplett gesehen. Auch verrückt, oder? Aber um solche cineastischen Peinlichkeiten auszumerzen, ist die Wilde 13 ja auch da.
So tauche ich mit großen Vergnügen in Stanley Kubricks wunderbare Bilderwelt ein und mache mich ein weiteres Mal auf, mit dem tollen Ryan O’Neil als unsympatischen und gleichzeitig sympatischen Helden Redmond Barry durch das 18. Jahrhundert zu gaunern. Dieses Mal auch bis zum (vermutlich) bitteren Ende. Kerzenlicht an und los geht’s…

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Mittendrin:
Redmond Barry hat sich hier so langsam nach oben gegaunert. Und natürlich in mein Herz. Der Film ist so unglaublich malerisch und schön, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Eine Wonne für die Augen. Landschaften, Kerzen, Kriege, Szenerien, Symmetrie, Kompositionen. Die Schwämerei geht nachher sicherlich in schwindelnde Höhen. Jetzt muss ich mir die Perücke pudern und dem Schwindel an den Spieltischen beiwohnen, mit dem Redmond sich gerade zu Hofe einen Namen macht.

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Hinterher:
Kubrick, du alter Perfektionist.

Kennt ihr die Szene, in der Mary Poppins mit Bert in seine Straßengemälde reinspringt und dann durch eine gemalte Welt tanzt mit ihm und den Kindern?
So ungefähr fühlt sich das Filmereignis „Barry Lyndon“ an. Nur das man nicht tanzt, sondern eher erstaunt schreitet. Kubrick schafft es, die englische Landschafts- und Genremalerei des 18. Jahrhunderts vor meinen Augen zum Leben zu erwecken.
Mal verliert man sich in Kamerazooms, die in einer Parklandschaft enden, mal marschiert man in einer Reihe mit Soldaten dem Tod entgegen und mal sitzt man im Kerzenschein an einem Spieltisch und fingert sich gedankenverloren am dicken, aufgeklebten Muttermal herum. (Die Tatsache, dass Kubrick für den Film mit NASA Objektiven arbeitete, um tatsächlich nur bei Kerzenschein drehen zu können, gehört ja heutzutage zum Cineastengrundwissen. Schön sieht es in jedem Fall aus.)

Barry Lyndon heißt zu Beginn des Films noch Redmond Barry und ist ein irischer Bauernsohn. Die Liebe zu seiner Cousine setzt ein Lebensschicksalsrad in Bewegung, das Remond ein wahrlich aufregendes und nicht immer glückliches Dasein beschert. Ein lakonisch distanzierter, allwissender Erzähler kommentiert Episode um Episode wie der naiv, melancholische und nicht wirklich sympatische Held (wundervoll dargestellt von Ryan O’Neal, der hier seinen traurigen Blick aus Love Story perfektioniert) der Spielball seiner Zeit wird. Duelle, Kriege, Gaunereien und kalte Liebe. Redmond scheint einfach irgendwie immer mittendrin zu sein.

Absolut toll fand ich, dass Kubrick einen sehr ruhigen Erzählstil wählt. Besonders in der zweiten Hälfte, als Redmond zu Barry Lyndon aufsteigt und in einer lieblosen Adlesehe verharrt, ist die Tristesse und die Übersattigung eines solchen Lebens spürbar. Es passiert sehr viel in „Barry Lyndon“, dennoch hatte ich nie das Gefühl durch eine Biografie zu hetzen, sondern habe die Klammern der Gesellschaft im England des 18. Jahrhundert gespürt. Aber: mit der für Kubrick typischen kühlen Distanz.

Barry Lyndon ist neben dem Gucken eines Filmklassikers noch viel mehr. Eine genießerischer Gang durch eine Gemäldegalerie, eine trocken- humorvolle Zeitreise in das Europa des 18. Jahrhunderts, eine Lehrstunde in Sachen Ästhetik, Bildaufbau und Symmetrie und letzen Endes, als Auslöser eines gesamten Lebenslaufs, das Eintauchen in das Dekolleté einer schönen Frau, um ein Halsband herauszuholen.
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