Solaris (Russland, 1972) Regie: Andrej Tarkowskij

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Voher:
Zurück in Russland…Mein erster Halt war der fulminante Experimentalfilm „Der Mann mit der Kamera“ von 1929. Lang lang ist es her und jetzt wird es sicherlich sehr viel ruhiger. Science Fiction, Philosophie, Trauer, Liebe, Andrej Tarkowskij- das alles steht schon seit langem wie Kubricks 2001 Stehle in meinem Filmkopf und ich habe mich bisher noch nicht an „Solaris“ getraut. Noch nicht mal das Remake mit George Clooney habe ich gesehen. Gut so, denn dann wage ich jetzt ohne Hollywoodschwimmreifen den Sprung in den Klassiker des Science Fiction Kinos. Was ist eigentlich „Solaris“? Ein Raumschiff? Ein Planet?

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Mittendrin:
80 Minuten in Tarkowskijs Welt (raum) und ich halluziniere auch schon. „Solaris“ ist gar keine langweilige Kopfgeburt, die mich vor mich hin philosophierend in Richtung Schlaf schweben lässt. Sondern ein handfester Thriller. Ich bin begeistert. Der Körper ist angespannt und der Kopf ist frei. Ich bin gespannt, welche Wirkung der geheimnisvolle Planet in den weiteren 80 Minuten auf mich haben wird. Werde ich am Ende feststellen, dass der Planet gar nicht Solaris, sondern Annika heißt?

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Hinterher:
Die Klinke geht runter und ich öffne eine Tür zu einer neuen Filmwelt. Mit „Solaris“ habe ich wieder was ganz Neues entdeckt und wie im Film der Planet Solaris, war es in der Realität der Film Solaris, der mir Rätsel aufgegeben hat.

Der Film beginnt in der erdigen Natur der Erde und zeigt uns den Psychologen Kris Kelvin, der vor einer Weltraummission seine Eltern besucht. Er soll zum Planeten Solaris reisen, dessen Erfoschung nicht so läuft, wie sie sollte. Ein früherer Solaris Forscher taucht dort auf und berichtet von seltsamen Halluzinationen. Als Kelvin dann auf der Forschungsstation eintrifft, ist dort alles, wie schon erwartet, in einem desaströsen Zustand. Die Station ist verwahrlost, die übrigen Forscher geheimnisvoll, feindselig und verwirrt und sehr schnell wird Kelvin von der Halluzination seiner toten Frau Hari heimgesucht.

In langsamem Tempo erzählt Tarwoski….ja, was erzählt er eigentlich? Er lädt uns auf eine philosophische Reise ein, eine Begegnung mit dem Universum und dem Geist der Menschheit und der Arroganz der Zivilisation.

„Solaris“ hat mir wirklich außerordentlich gut gefallen und ist mir auch sehr nahe gegangen. Das fand ich deshalb toll, weil ich einen sehr distanzierten und kalten Film erwartet hatte, durch den ich mich „durchquäle“, um ihn einmal gesehen zu haben. Aber falsch. „Solaris“ war jetzt vielleicht auch nicht unbedingt in der erste Linie der Thriller, den ich in der Halbzeit aus ihm machen wollte, aber er hat mich sehr in (An)Spannung versetzt und meinen Kopf angeschaltet.
Nicht auf eine schlechte Weise, so dass ich entnervt dachte: „Was will der eigentlich von mir?“ Sondern wunderbar bodenständig und liebevoll. Ich kann es schlecht beschreiben. Denken und Philosophie nicht als Anstrengung, sondern als ganz natürlicher Teil des Lebens. Ich habe mich in Tarkowskijs Welt seltsam wohl gefühlt: angeregt, verwirrt und doch irgendwie Zuhause.
Heimatgefühle im Weltall? Eine seltsame Sache, oder?

Welche philosophischen Fragen „Solaris“ aufwirft, kann und möchte ich euch hier nicht auf dem Silberteller präsentieren. Ich habe auf jeden Fall während des Guckens einige existenzielle Fragen an mich, mein Leben und mein Inneres gestellt. Vielleicht etwas frech, den Film so als eigene Projektionsfläche zu nutzen und sowohl Stanislav Lem, von dem die literarische Vorlage ist, als auch Tarkowskij oder „richtige“ Filmkritiker wollen mir vielleicht auf die Finger hauen. Aber  vielleicht treffen sie gar nicht mich, sondern nur die Halluzination von mir.

Am Ende winke ich euch von meinem eigenen Planeten Solaris zu, nehme euch aber gerne als Gäste in Empfang.
Wie sieht euer Solaris aus?
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6 Kommentare zu „Solaris (Russland, 1972) Regie: Andrej Tarkowskij

  1. Eine wundervolle Reaktion! Tarkowskijs Filme muss man wirklich eher erfühlen als sie verstehen zu wollen. Und ich glaube, er würde sich im Gegenteil sogar sehr darüber freuen, dich so persönlich angeregt zu haben.

  2. Lem war ja der Meinung, keiner der beiden Filme(macher) hat auch nur im Ansatz begriffen, worum es in der Geschichte eigentlich geht. Was Soderberghs Fassung betrifft, kann ich das bestätigen. Trotzdem sind beide Filme meiner Meinung nach Meisterwerke, weil sie daraus ganz eigene Erkenntnisse gewinnen.

    In Soderberghs Fassung geht es vor allem um die Frage der Definition des eigenen Ichs, des eigenen Selbst (was im Buch nur ein Nebenaspekt ist). Das macht er aber wirklich wunderbar. Alleine die Kombination Bild und die hypnotische Musik von Cliff Martinez!

    Und Tarkowskij? Nun der ist halt Tarkowskij… 🙂

  3. „In langsamem Tempo erzählt Tarwoski….ja, was erzählt er eigentlich?“

    Gute Frage. Ich denke, das weiß keiner so genau. Bzw. jeder hat eine andere Vorstellung von dem, was Tarkovsky zeigt.
    Finde du schreibst da sehr schön, auch wenn es mir beim Schauen vollkommen anders ging. Mir persönlich hat sich jedenfalls kein Portal zu Solaris geöffnet 😉

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