Der letzte Mann (Deutschland, 1924) Regie: Friedrich Wilhelm Murnau

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Wunschfilm von Tobias Mielke

Vorher:
Der letzte Mann, der nächste Stummfilm. Ich sehe einen Film von Friedrich Wilhelm Murnau, dessen Nosferatu den Grundstein für den filmischen Dracula Mythos gelegt hat. Von ihm habe ich aber in jüngster Vergangenheit das bezaubernde Liebes- und Großstadtmärchen „Sunrise“ ins Herz geschlossen.
Was erwartet mich nach Tod, Liebe und den betörenden Lichtern der Stadt in meinem dritten Murnau? Es geht um einen Hotelportier, den letzten Mann, der über das Hotel wacht. Wird es tragisch oder lustig? Ich habe so melancholische Gefühle, wenn ich den Titel lese. Ich springe schnell zurück ins Jahr 1924 und werde es euch wissen lassen.

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Mittendrin:
Der Stummfilm erobert mich immer wieder im Sturm. Dieses Mal heißt der Sturm Emil Jannings, der wirklich großartig, imposant und dabei rührend ist. Mit meiner Vermutung der Melancholie hatte ich recht, aber der Film ist noch so viel mehr. Das verrate ich euch, wenn ich zu Ende geschaut habe. Emil ist soeben aus einem Alkoholrausch erwacht und ich begleite ihn weiter durch sein Leben.
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Hinterher:
Kann ein Film gleichzeitig bodenständig und trotzdem innovativ sein? Gleichzeitig tieftraurig sein und dennoch ein märchenhaftes Happy End haben, ohne dass es die ganze Stimmung des Film versaut? Ja.

„Der letzte Mann“ erzählt die Geschichte eines stolzen Hotelportiers, dessen prächtige Uniform und Bart sein Ein und Alles sind. Er ist das Aushängeschild des Hotels Atlantic und macht auch in seinem sozialen Umfeld, einem schlichten Hinterhaus, ordentlich was her. Als der Hoteldirektor jedoch bemerkt, dass er nicht mehr der Jüngste ist und ihn zum Toilettenmann degradiert, steht er vor den Trümmern seines kleinen Lebens und versucht alles, um sein Gesicht zu wahren.

Ziemlich simple Story oder? Aber Murnau schafft es daraus einen herzzerreißenden Film zu machen, der auch noch mit einem grandiosen Hauptdarsteller und für die Zeit aufregenden Kameratricks aufwartet. So habe ich erst am Ende des Film bemerkt: „Moment mal, es gab ja gar keine Zwischentitel.“
„Der letzte Mann“ schafft es rein filmisch die äußeren und inneren Geschehnisse sichtbar zu machen. Ich habe mich in Emil Jannings grandioser Mimik verloren, sein trauriges Gesicht, sein stolzer Blick und sein Lachen. In jeder Szene wieder eine Sensation.
Ich habe aber nicht nun in ihn hinein geguckt, sondern auch aus ihm heraus. Mit zahlreichen pfiffigen Kameratricks (Kann ich die benennen? Nö, natürlich nicht.) erlebte ich seine Träume, seine Trunkenheit und seine Ängste.

„Der letzte Mann“ hat mich thematisch an ein weiteres Highlight meiner Filmreise aus dem Jahr 1952 erinnert. „Umberto D“.
Hier geht es auch um Würde im Alter und um den Versuch am Rande der Gesellschaft zu bestehen und sich nicht ins Altersheim oder in einen Toilettenjob abschieben zu lassen. Beide Filme haben mich sehr berührt und ich bin glücklich, dass ich Umberto D und den Hotelportier (er ist namenlos) kennenlernen konnte. Die wahren Helden der Filmgeschichte.

Macht also gerne ein alte Männer- Herzensfilm Double Feature. Außerdem: am Ende hat Murnau noch ein Überraschungsgeschenk für den Zuschauer, damit das Herz nicht ganz so zerrissen ist. Wunderbar!
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5 Kommentare zu „Der letzte Mann (Deutschland, 1924) Regie: Friedrich Wilhelm Murnau

  1. Mich hat Emil Jannings Mimik und Gestik in dem Klassiker „Der blaue Engel“ begeistert. Man merkt diesen alten Schauspielern die Theaterherkunft und die Stummfilmära immer an, wo eben nicht nur das Wort, sondern auch das Auftreten enorm wichtig für die Charakterzeichnung und die Story waren.

  2. Die Schlußszene gehört allerdings nicht wirklich in den Film, sondern wurden von den Produzenten nachträglich eingefordert. Murnau und sein Drehbuchautor fanden dieses „Happy End“ so unpassend, dass sie es absichtlich völlig over-the-top gedreht haben. Ich finde, der Film wäre ohne das jetztige Ende noch besser geworden, aber ich mag ja auch tragische Enden. Trotzdem ein ganz, ganz großer Film – nur knapp hinter dem perfekten „Sunrise“ mein zweitliebster Murnau.

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