Mon Oncle (Frankreich, 1958) Regie: Jaques Tati

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Vorher:
Jahrelang gehen tolle Sachen an einem vorbei und man weißt gar nicht so richtig warum. Gestern habe ich mir zum ersten Mal in meinem Leben einen Jaques Tati Trailer angesehen und ein breites Lächeln wanderte auf mein Gesicht und ist noch nicht verschwunden.
Deshalb muss Tati endlich mal in Filmlänge kennengelernt werden. Humor ist ja immer eine schwierige Sache. Aber in den letzten zwei Jahren hat es für mich mit den Marx Brothers, Charlie Chaplin und Buster Keaton ja wunderbar funktioniert. Deshalb: Bienvenue Tati, Smile on, Anni!

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Mittendrin:
Nach 48 Minuten:
Ich habe es geahnt. Tati bereichert mein Leben. Ich bin hin und weg. So viel Charme, Liebe und Detailfreude. Macht euch auf eine Adjektivexplosion in der Nachher Besprechung gefasst. Jetzt freue ich mich aber erst mal auf weitere 60 Minuten in Tatis Welt, in der eigentlich nichts und dennoch alles passiert.

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Hinterher:
Hurra, und einer weiterer Komödien Regisseur, den ich neu entdeckt habe und den ich unter: „Wenn mal alles doof ist und das Leben beißt, schnell angucken und alles wird gut“ einsortieren kann.
Charlie, Buster und nun auch Jaques- ihr macht die Welt besser.

Ich hatte erwartet, dass ich Tatis Humor ganz nett finden werde, aber doch etwas müde lächelnd abwinken werde, weil er doch aus der Mode gekommen ist. Aber ein weiteres Mal habe ich mein altmodisches Herz unterschätzt.
Bereits beim Vorspann, der eine Horde streunender Hunde durch die Filmszenerien begleitet, war mir klar: das wird was.

„Mon Oncle“ erzählt eigentlich keine durchgängige Geschichte, sondern begleitet uns ein Stück durch das Leben von Monsieur Hulot, seinem Neffen Gerard und dessen Eltern, den Arpels. Hier treffen zwei Welten aufeinander. Während Hulot in einem chaotischen Haus, quasi einer Variation der Villa Kunterbunt, inmitten des fröhlichen Viertelgeschehens lebt, schotten sich seine Schwester und ihre Familie in ihrem hypermodernen Neubau ab.
Die Villa Arpel ist ein durch und durch unpraktisches Teil. Alles ist symmetrisch, karg und automatisch- was sie natürlich zum großen Star dieses Films voller Situationskomik macht. Runde Fenster, die nachts zu Augen werden, Garagentore die vom Dackel im karierten Kleidchen geschlossen werden oder eine Thermoskanne, die wie ein Flummi umherspringt. Alles ist möglich in Tatis Kritik an der modernen Welt.

Auch Hulot selbst ist eine tolle Figur. Ein zurückhaltender Charakter, der immer zufrieden scheint, solange er sein Pfeiffchen im Mund hat, das er zwischendurch mal an seiner Ferse ausklopft. Ihm ist reichlich egal wie er aussieht und er lässt die Dinge einfach geschehen und die skurrilen Alltagssituationen auf sich und die Zuschauer zukommen.
Hulot- super, Villa Arpel- super. Annika- glücklich.

„Mon Oncle“ ist so eine geniale Wundertüte an herrlichen Einfällen, wunderbar albernem Alltagskokoloreswitz, warmherziger Lebensfreude und toller Zeitgeistausstattung, dass mir den ganzen Tag über immer wieder einzelne Szenen einfallen und ich breit lächeln muss. Ob jemand bei meinem Anblick in der Supermarktschlange gedacht hat: „Ah, sie kann nur ein neuer Tati Jünger sein.“ Ich mag es nicht ausschließen.
Ich lade euch ganz herzlich ein, die Villa Arpel zu besuchen, Monsieur Hulot kennenzulernen und einfach eine herrliche, bunte Zeit zu haben. Wenn ihr Glück habt, steht ihr dann auch mal lächelnd in der Supermarktschlange- und das ist doch schon sehr viel!

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4 Kommentare zu „Mon Oncle (Frankreich, 1958) Regie: Jaques Tati

  1. Oooooh, du hast dir sogar zielsicher den in meinen Augen tollsten Tati-Film ausgesucht, eine wahre Perle im Filmschatzkästlein ist das! Da kann ich dir nur viel Vergnügen beim weiteren Entdecken wünschen – ich möchte wetten, dass am Ende auch der Blick auf Postboten ein anderer sein wird 😉

  2. Schön, wie Du Deiner Begeisterung Ausdruck verleihst!
    Der für meinen Geschmack tollste Tati-Film ist „Playtime“, den ich Dir nur wärmstens empfehlen kann. Obwohl er doch ganz anders ist als „Mon Oncle“…

  3. Tatis „Schützenfes“t! Unbedingt das „Schützenfest“, aber im französischen Original, auch wenn man kein Wort Französisch spricht. Es gibt nämlich eine restaurierte Fassung mit Sprecher aus dem Off, was sehr nervend ist, während im O-Ton immer nur unverständlich genuschelt wird. Rapidité!

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