Possession (Frankreich, Deutschland 1981) Regie: Andrzej Żuławski

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Vorher:
Auf geht’s ins Kino. Es wartet ein echter Skandalfilm auf mich. Isabelle Adjani ist im Berlin der 80er besessen. Von was eigentlich? Vom Teufel? Von bösen Geistern? Von Männern? Ich erwarte einen Schocker sondergleichen. Isabelle Adjani hatte mich ja in „Nosferatu“ vor kurzem noch sehr begeistert.

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Mittendrin:
Ich war ja im Kino, da habe ich zwischendurch keine Notizen gemacht.
Aber meine Stimmung schwankte zwischen totaler Faszination, Mitleiden mit den Hauptdarstellern und einem ziemlichen Brainfuck- was sehe ich hier eigentlich gerade?  Was soll das alles? Ich will gleichzeitig, dass es sofort aufhört und nie endet.

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Hinterher:
Ein Gang alleine nach Hause nachts um 1 Uhr direkt nach dem Film und eine Nacht mit hektischen Träumen, in denen ich durch U- Bahn Gänge hetze, später, sitzt der Film mir immer noch schwer in den Knochen. Ich habe vorher: „Hurra, Skandalfilm“ gerufen und den habe ich auch bekommen. Und wie!
Ich hatte eine durchgeknallte One-Woman- Show von Isalbelle Adjani erwartet, die man sich mit angenehmem Grusel und Ekel anschaut und hinter leicht schockiert mit einem: „Hui, das war aber gut gespielt und ganz schön intensiv.“ kommentiert. Aber es war natürlich alles ganz anders.

Berlin, 1981. Der Film fängt mit einem Ende an. Die Ehe von Mark und Anna ist am Boden. Als er nach einem Spionage Job mit den Taschen voller Geld nach Hause kommt, verlässt sie ihn.
Schon in der ersten Szene macht sich Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Trennung bemerkbar und das ist erst der Anfang der Gewalt- und Wahnsinnsodyssee.
Anna verhält sich seltsam und Mark entdeckt bald die Existenz eines Liebhabers. Aber das ist nicht ihr einziges Geheimnis. Es ist alles viel abstruser, unglaublicher und zerstörerischer. Inhaltlich will ich nicht mehr verraten.

Das „wie“ ist hier auch entscheidend und das war ein Kraftakt für mich als Zuschauer. Der Film ließ mir in seiner Intensität keine Ruhe und ich wurde emotional wie durch einen Fleischwolf gedreht. (Darauf komme ich gleich noch zu sprechen.)
Annas Bessessenheit, Verwirrung und Leiden strahlt auf alles ab, kriecht überall hinein.
Ihr Mann leidet fast ebenso wie sie, versucht sie zu retten und scheitert immer wieder. Wie Orkan an Leiden(schaft) sind alle Szenen zwischen den beiden und ich als eher konfliktscheuer Mensch konnte nur schwer damit umgehen. Ich fühlte mich wie der gemeinsame Sohn der beiden, der dem Drama völlig ausgeliefert ist und zwischendurch zur Nachbarin oder seiner Lehrerin abgeschoben wird.

Neben den fulminanten Hauptdarstellern, die sich im wahrsten Sinne die Seele aus dem Leib spielen, war das Setting auch eine Sensation. Das recht menschenleere Berlin Anfang der 80er ist die perfekte Kulisse für den Untergang.
Hohe Wohnblocks, leere breite Kopfsteinpflasterstraßen und die Mauer in fast jeder Außenszene im Blickfeld. Merkt ihr, ne? Die Trennungsgeschichte eines Paares im geteilten Berlin!

Was mich noch zusätzlich angenehm verwirrt hat, war, dass es in diesem so verstörenden, fremdartigen Film für mich immer wieder Momente des nostalgischen Wiedererkennens gab. Und zwar waren das Details aus meiner Kindheit, die immer mal wieder auftauchten.
Ein Tastentelefon, Schwartau Marmelade, die der kleine Bob mit seiner Mutter isst oder Prilblumen am Spülbecken. Besonders prägnant ist eine Szene in der Anna wie irre mit einer Küchenmaschine Fleisch zu Hack verarbeitet und plötzlich zu einem elektrischen Messer greift und sich damit am Hals verletzt. An sich schon schockierend genug.
Ich habe dabei aber nur denken müssen: „Oh genau, diese Küchenmaschine hat meine Mutter auch und mit so einem elektrischen Messer wurde und wird bis heute der Kirschkuchen und der Weihnachtsbraten geschnitten.“
Glaubt mir, da fühlte sich mein Gehirn noch mehr verknotet, als in den offensichtlichen Schockszenen, weil meine Kindheitsrealität da so mit reingezogen wurde.

Ich habe nun einen echten Skandalfilm gesehen und es geschafft im Text darüber das Wort Prilblumen unterzubringen. Nicht schlecht, oder?
Ich könnte noch ewig weiterschreiben über diesen unglaublichen Film, aber einfacher ist es, ihr schaut selbst mal rein und entdeckt, wie und wo euch der Film schockt, berührt und wo euer Gehirn einen Aussetzer macht.
Es ist ein wenig eine Qual, aber eine gute und aufregende.
Ich fühle mich jetzt lebendiger und nehme mir vor: ich möchte weiterhin „besessen“ sein vom Leben, von originellen Filmen und davon euch davon zu erzählen.
Auch wenn ich diese Weihnachten beim Plätzchen backen die Küchenmaschine mit Unbehagen betrachten werde.

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Ein Kommentar zu „Possession (Frankreich, Deutschland 1981) Regie: Andrzej Żuławski

  1. Ich mochte ihn auch sehr. Leider bisher mein einziger von Andrzej Żuławski. L’important c’est d’aimer aka Nachtblende steht hier seit einiger Zeit ungesehen im Regal.

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