Un chien andalou (Frankreich, 1929) Regie: Luis Bunuel/ Der Mann mit der Kamera (Russland, 1929) Regie: Dsiga Wertow

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Vorher:
Ich mache heute mal eine Spielfilmpause und wende mich der Kunst zu. Die kommt gleich im Double Feature. Zuerst gucke ich mir endlich mal Bunuels surrealistischen Kurzfilm „Un chien andalou“ an. Salvador Dali hat ja auch mitgemacht. Ob er mehr zu bieten hat, als die weltberühmte Szene, in der einer Frau das Auge zerschnitten wird? Ich hoffe es.
Im Anschluss daran geht meine Reise nach Russland. Wo ich Dsiga Wertow einen Tag mit der Kamera begleite. In „Der Mann mit der Kamera“ werden Alltagsszenen aus vier russischen Großstädten zu einer dokumentarischen Phantasie zusammen geschnitten. Surrealismus trifft auf surrealistisch zusammengefügten Realismus des Sozialismus. Knoten in der Zunge und im Kopf. Die richtige Voraussetzung für das, was jetzt kommt. Film ab!

tschelowekskinoapparatom

Mittendrin:

Un chien andalou:

„eight hours later“

„sixteen years before“

“in spring”

Der Mann mit der Kamera:

“Attention viewers, this film is an experiment in cinematic communication of real events, without the help of intertitels, without the help of a story, without the help of theatre. This experimental work aims at creating a truly international language of cinema based on its absolute separation from the language of theatre and literature.”

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Hinterher:
Das war aber ein aufregendes Film Duo. Kunst, Form, Dynamik, Verwirrung. Ich habe mich vom Erzählerischen entfernt und geguckt, was es sonst noch so gibt. „Un chien andalou“ hat mich sehr begeistert. Die weltberühmte Augenaufschneide Szene war zwar schneller vorbei als ich gucken konnte, aber sie war eine tolle, absurde Einleitung zu dem was noch kommen sollte.
In größtenteils unzusammenhängenden Szenen haben mich Bunuel und Dali in ihren Bann gezogen. Untermalt mit industriell wummernder Musik habe ich 16 Minuten einfach nur gestaunt. Ein Mann zieht zwei Klaviere mit Eselkadavern hinter sich her. Ameisen krabbeln über eine Hand. Die Achselhaare einer Frau verschwinden und sitzen plötzlich bei einem Mann auf dem Mund. Warum das alles, könnte man fragen? Ich sage: Warum nicht?
Mir hat es wunderbar das Gehirn durchgeblasen und ich nehme mir vor, immer wenn ich merke, dass ich langweilig und spießig werde, bei den Surrealisten reinzuschauen. Die machen meine Weltsicht wieder schön schräg.

vertov_man

A apropos schräg: Diagonale! Das Wort fällt mir als erstes ein, wenn ich an meinen Hauptfilm denke. „Der Mann mit der Kamera“ hat mich mitgenommen auf eine wilde Reise durch einen russischen Tag. Die große Dynamik, die vielen aufstrebenden, diagonalen Bilder und die wunderbare Schnittkunst haben mich zum Staunen gebracht. Vom morgendlichen Räkeln im Bett, über einen durch Maschinen geprägten Arbeitstag, bis hin zu Freizeit am Strand und fröhlichem Biertrinken, war ich einen Tag lang eine einfache russische Arbeiterin in den 20er Jahren. Nastrovje!
Wertow verbindet die alltäglichen Vorgänge mit Bildern, die ein ganzes Leben prägen. Er zeigt eine Hochzeit, ein Scheidung, eine Geburt und den Tod.

Soviel zum „Inhalt“. Das wirklich Aufregende dieses poetischen Dokumentarfilms ist jedoch die Form. Ein bunter Blumenstrauß an technischen Raffinessen der Filmkunst wird präsentiert:  Zeitraffer, Überblendungen, Splitscreen, verschiedene Kameraperspektiven und und und. Besonders schön fand ich auch, dass die Arbeit der Filmschaffenden Platz im Film findet. So sehen wir den Kameramann bei der Arbeit, in einem fahrenden Auto, mit der Kamera über der Schulter auf Motivsuche, sich neben seiner Kamera pausierend in den Sand legen. Die Arbeit der Cutterin, Wertows Frau Jelisaweta Swilowa, wird auch gezeigt. Wir sehen, wie sie am Schneidetisch arbeitet und dann, was ihr Schnitt im Film bewirkt. Wunderbar!

Als Höhepunkt dieser „Film im Film“ Idee, entführt uns Wertow am Schluss in ein Kino, wo wir noch einmal Szenen seines Film sehen, die dem begeisterten Publikum vorgeführt werden. Die Bilder werden immer schneller und wilder und irgendwann bringt die Schlusseinstellung dem Auge Ruhe. In einer Großaufnahme sehen wir ein Auge verschmolzen mit einem Kameraobjektiv. Die Blende schließt sich und der Film ist vorbei.
Und ich weiß gar nicht mehr: bin ich ein Mensch oder eine Kamera.

bild

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Ein Kommentar zu „Un chien andalou (Frankreich, 1929) Regie: Luis Bunuel/ Der Mann mit der Kamera (Russland, 1929) Regie: Dsiga Wertow

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