Die freudlose Gasse (Deutschland, 1925) Regie: Georg Wilhelm Pabst

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Vorher:

Nach der Gier kommt die Freudlosigkeit. Ich mache hier einiges mit. Wann wird es denn mal fröhlicher? „Die freudlose Gasse“ von Georg Wilhelm Pabst ist ein früher Film der „Neuen Sachlichkeit“. Ein sozialkritischer Film in tristen Kulissen. Ich erwarte keine Träumereien wie beim französischen Film „Coeur Fidele“. Aber ich freue mich darauf, in den armen Gassen Wiens auf Asta Nielsen und Greta Garbo zu treffen.

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Mittendrin:

„Schon wieder Kohl!“

„Na, was soll das Gedränge! Jetzt hol‘ ich aber die Polizei!“

„Ich liebe Sie wahnsinnig!“

„Auf das Wohl des schönen, lustigen Wien!“

„Heutzutage braucht man nur Geld, um glücklich zu sein!“

„Deine Kälte und deine Gleichgültigkeit sind unerträglich. Hast du denn wirklich keinen Wunsch?“

„Ich hoffe, dass wir gute Freunde werden!“

„Wie kommen Sie hierher?“ „Wahrscheinlich aus demselben Grund wie die meisten Mädchen hier: weil wir und die Unsrigen sonst verhungern müssen.“

„Ja, ich habe genug Fleisch, aber ich will keins geben.“

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Hinterher:

Wien in den 20er Jahren. Die Moral ist am Boden. Unter den Reichen herrschen Feierwütigkeit und Geldgier, unter den Armen herrschen Hunger und Verzweiflung. Georg Wilhelm Pabst wählt den Mikrokosmos einer Gasse und verbindet dort in einem spannenden Ensembledrama beide Welten in mehreren Episoden. Reiche Männer nutzen arme Frauen aus. Die Geschäfte, die gemacht werden sind Börsengaunereien und Prostitution. Mittendrin sind die beiden Frauen Grete und Maria, denen wir am Anfang des Films in einer Essensschlange bei dem fiesen Fleischer Josef Gieringer begegnen. Gespielt werden sie vom Stummfilmstar Asta Nielsen und einer blutjungen, aber schon mit wunderbarer Ausstrahlung gesegneten Greta Garbo. Mit welcher Eleganz die 20 jährige Garbo durch die Freudlose Gasse stolziert und sich mit anbetungswürdigem Blick der geifernden Männer erwehrt, ist schon beeindruckend. Verletzlich und stolz zugleich. Allein diese beiden Damen haben den Film zu einem Ereignis für mich gemacht. Aber auch sonst war „Die freudlose Gasse“ gar nicht trist und öde, wie ich es befürchtet hatte. Innerhalb der engen Gassen, Wohnungen und Clubs lässt Pabst einiges an inhaltlichem Zündstoff explodieren. „Die freudlose Gasse“ ist vieles: Sozialdrama, Krimi, Ensemblefilm und Zeitportrait der Weimarer Republik. Ich lese überall, dass der Film ein Paradebeispiel für die „Neue Sachlichkeit“ ist. Das mag sein. Aber seine Wirkung auf mich ist alles andere als sachlich. Ich bin tief bewegt von Greta, Asta, der sozialen Ungerechtigkeit, der Unterdrückung der Frauen, der Skrupellosigkeit der Reichen und dem kleinen Happy End. Wieder hat die Stummfilm Ära mir auf neue Weise einen Einblick in das Leben von vor ca 90 Jahren gegeben. Wunderbar. Aber dennoch bin ich froh, den Weg raus aus der freudlosen Gasse zu finden. Es geht ja weiter. Beim nächsten Film wird dann endlich mal herzlich gelacht. Buster Keaton, ich komme.

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