Coeur Fidele (Frankreich, 1923) Regie: Jean Epstein

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Vorher:

Die besten Dramen kommen aus Frankreich. Das war auch 1923 schon so. Das hoffe ich jedenfalls. Nach den USA, Italien, Deutschland und Schweden sehe ich jetzt meinen ersten französischen Film. Formidable! „Coeur fidele“ ist ein Drama. Punkt. Mehr weiß ich gar nicht. Blind laufe ich auf diesen Film zu. Bis in 90 Minuten dann.

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Mittendrin:

„On top of all hard work, Marie had to put up with the desire of a man, who only ever instilled her with fear. “

“We love each other. I’m going to marry Marie.”

“Petit Paul is taking you away from here.”

“You’ve got to get out of here.”

“Love allows one to forget everything.”

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Hinterher:

Eine Frau fährt in einem Karussell, ihre Haare wehen ins Gesicht, ein fröhlicher Mann neben ihr schmeißt mit Konfetti um sich. Doch das Gesicht der Frau spricht eine andere Sprache. Todunglücklich ist sie, wendet sich von ihrem Begleiter ab und starrt vor sich hin. Der Zuschauer erlebt ihr Unglück in schnellen Schnitten mit. Der Sturm, der in der Frau wütet, zeigt sich in raffiniert aneinander geschnittenen Rummelplatzbildern. Die Schiffschaukeln, die wilde Fahrt des Karussells, eine Drehorgel und die Menschenmassen. Das hört sich nach einem modernen Actionfilm an, oder? Es ist aber tatsächlich die Schlüsselszene aus „Coeur Fidele“, den ich gerade gesehen habe. Ich bin total baff, was 1923 schon möglich war. „Coeur Fidele“ ist ein Spielfilm, den ich aber vielmehr als poetische Reise erlebt habe. Der Inhalt ist schnell erzählt. Marie wird von ihren Adoptiveltern zu harter Arbeit in deren Marseiller Hafenkneipe gezwungen, obendrein drängen sie sie dazu, den Trinker Petit Paul zu heiraten. Sie aber liebt den Hafenarbeiter Jean. Doch das gläubige Herz trotzt dem Leben mit dem ungeliebten Ehemann, um doch noch das Glück zu finden. Viel wichtiger als der Inhalt ist in Jean Epsteins Film jedoch die Form. Mit schlichten Kulissen und Kostümen erzählt der Regisseur vom harten Leben der Protagonisten. Durch Nahaufnahmen, dramatische Schnitte und Überblendungen wird der Film jedoch auf eine poetische Ebene gehoben. Wie ein Traum in einem alptraumhaften Leben. Poetischer Realismus. Die Protagonisten schauen wie hypnotisiert aus dem Bild heraus, dem Zuschauer direkt ins Herz. Ich musste mich schon auf die langsame, puristische und ätherische Machart des Films einlassen. Aber ich bin mit einem wunderschönen, dramatisch-traurigen Stück Filmkunst belohnt worden. Chapeau Frankreich. Ich freu mich darauf, dir erneut in meiner persönlichen Karussellfahrt durch die Filmgeschichte zu begegnen.

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