Die Puppe (Deutschland, 1919) Regie: Ernst Lubitsch

Die-puppe (The doll)

Vorher:
Ernst Lubitsch, ich komme. ETA Hoffmann, ich komme. Der Titel „Die Puppe“ verspricht ja einiges. Stummfilmstar Ossi Oswalda (was für ein Name) haucht der Puppe ihr Leben ein. Ansonsten ist die Puppe eine Wundertüte für mich und ich bin sehr gespannt, was mich erwartet. Ich drücke auf Start und lass die Puppe tanzen.

Mittendrin:
„Liebe Sonne, scheine doch, damit ich keinen Schnupfen bekomme.“

„Lancelot, du sollst heiraten.“

„Vierzig Jungfrauen sind hinter mir her.“

„Labe dich mein Sohn, wir geben gern, aber wenig.“

„Du brauchst keine Frau zu heiraten, du heiratest eine Puppe.“

„Ich will eine anständige Puppe von solidem Charakter.“

„Macht euch inzwischen mit ihrem Mechanismus vertraut.“

„Ja ja, die Weiber.“

„Wir stellen sie einfach in eine Rumpelkammer.“

„Ich kann nicht glauben, dass du ein Mädchen bist.“

„Nun bin ich alle Sorgen los.“

Hinterher:
Was war das denn für eine tolle Überraschung? Ich bin total begeistert. „Die Puppe“ ist mir bisher die liebste Entdeckung auf meiner Zeitreise. Ernst Lubitsch hat hier einen kleinen, feinen, kurzen und verrückten Film gemacht. „Die Puppe“ ist ein schräg, schrilles, groteskes, fantasievolles Märchen, das nur so sprüht vor kreativen Ideen, abgedrehten Details und Humor. Der Film fängt schon toll an, als ein Mann (wie ich hinterher erfahren habe, Lubitsch selbst) eine kleine Haus- und Gartenkulisse aufbaut, mit der die Handlung dann tatsächlich beginnt. Es geht um die Verheiratung des lieben und etwas verhuschten Adeligenneffen Lancelot. Dieser hat jedoch panische Angst vor Frauen und flieht schon zu Beginn des Films vor einer Horde Jungfrauen wie wild durch die Kulissen. Seine Flucht führt ihn in ein Kloster, wo die geldgeilen und fresssüchtigen Brüder (die Kirche kommt nicht gut weg bei Lubitsch) ihn einlullen und auf seine Mitgift scharf sind, um ihre leeren Vorratskammern wieder zu füllen. Der Junge muss verheiratet werden und wenn es zur Täuschung mit einer Puppe ist. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf, als tatsächlich ein Puppenbauer die perfekte, brave, willenlose Puppe Ossi für Lancelot bereithält. Ein Verwirrspiel um Schein und Sein, Puppe und Frau, mechanisch und lebendig beginnt. Ist der Inhalt des Films schon sehr exzentrisch, wird das durch die Form noch wunderbar verstärkt. Ich fand die Kulissen und die Kostüme herrlich und den grotesken und schrillen Humor toll. Alles ist irgendwie überdreht und ein wenig billig. Die Frauen tragen truschige Rüschenkleider mit riesigen Schleifen und die Männer skurril geformte Mäntel, Hosen mit grafischen Mustern und wilde Frisuren. Das ist gleichzeitig altmodisch und futuristisch. Die Kulissen bestehen größtenteils nur aus Papier oder Holz und wollen gar nicht den Anschein erwecken, realistisch zu sein. In der Küche des Puppenmachers beispielweise, sind alle Utensilien an die Wände gemalt. Die Kutsche mit der Lancelot seine Puppenbraut nach Hause bringt, wird von als Pferde kostümierten Menschen gezogen und als sie sich in der Kutsche verschämt küssen, zwinkert ihnen ein Mond aus Papier zu. Es gab noch so viele kleine, verrückte Details, die müsst ihr einfach sehen, wenn ihr den Film bald anschaut. Es lohnt sich wirklich und er dauert auch (leider) nur 63 Minuten. „Die Puppe“-Märchen, Groteske, Slapstick, Science Fiction, Comic und Liebesfilm. Alles hat er mir geboten. Ich kann verstehen, dass Lubitsch selbst zu „Die Puppe“ gesagt hat: „Bis heute halte ich diesen Film für einen der einfallsreichsten, die ich je gedreht habe.“ Ich freu mich auf weitere Filme mit dem Lubitsch Touch.

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