Anatomie eines Mordes (USA, 1959) Regie: Otto Preminger

Vorher:
Der Film mit dem wunderbaren Titel und dem wunderbaren Filmplakat von Saul Bass und natürlich mit dem wunderbaren James Stewart. Der Titel verspricht eine gradlinige, spannende Geschichte. Ich weiss, dass es ein Gerichtsfilm ist und James sicherlich den rechtschaffenen Anwalt spielt, der am Ende durch klare Argumentation alles ins Lot bringt. Wer ist ermordet worden? Ich lass mich überraschen. Aber ich mag Gerichtsfilme und muss bei diesem Film jetzt gerade an „Wer die Nachtigall stört“ denken, den ich erst vor einem Jahr entdeckt habe und sehr gut fand. Auch weil er mich überrascht hat und eigentlich ein Film über Kindheit war. Wie wird mich dieser Film überraschen? Ich hake mich bei James ein und sage: „Komm, wir sammeln zusammen die Leichenteile ein und stellen uns dem tobenden Mob im Gerichtssaal.“
Mittendrin:
Kommen einfach ein paar herrliche Zitate:
„Was ist das in der braunen Tüte?“ „N Karpfen der Männchen macht.“
„Du sollst ihn nicht lieben, du sollst ihn verteidigen.“
„Pauly, wenn ich alter Whikeysäufer mit dir am Verteidigertisch sitze, dann verlierst du alle Chancen.“
„Wir müssen die Geschworenen davon überzeugen, dass Manion von einem unwiderstehlichen Impuls beherrscht war, das ist n Stück Arbeit, Junge.“
„Ich bitte das Gericht. Lassen sie mich reinschneiden in den Apfel.“

Nachher:
-Angeln, Jazz und Höschen-
Nach dem Schweigen kommen Dialoge. Richtig gute, scharfsinnige Dialoge. Und Charaktere, die einem nach 2 ½ Film am Herzen liegen. Hervorragende Unterhaltung hat mir „Anatomie eines Mordes“ geboten und viel mehr Humor als erwartet. Der Film war nach außen ein klassischer Gerichtsfilm. Das erste Drittel Vorbereitung und Kennenlernen der Charaktere und dann die Verhandlung mit allen Zutaten, die so nötig sind. Einsprüche ohne Ende, emotionale Ausbrüche der Verteidigung und unerwartete Zeugen. Aber es gab auch einen Haufen Besonderheiten, die den Film für seine Zeit, Ende der 50er, sehr modern gemacht haben. Schräge Jazzmusik als Soundtrack (mit einem Gastauftritt von Duke Ellington), ein vesoffener Altanwalt als Sidekick, ein mehr als fragwürdiger Angeklagter und eine nervtötende Flirtmaschine als Vergewaltigungsopfer. Kein Charakter passt hier in irgendein Schema. Der Film ist keine Moral- oder Gerechtigkeitskeule, sondern einfach spannend, leicht und intelligent. Ach so, dass James Stewart großartig war, muss ich nicht extra erwähnen oder? Ich bleibe noch ein bißchen in seinem Arm, höre seinem Jazz zu und begleite ihn zum Angelsausflug…

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